Brauner und weißer Hund mit pinkem Geschirr schnuppert aufmerksam am Waldboden

🐾Ich hätte es eigentlich besser wissen müssen … Warum dieser Spaziergang mit meinem jagdlich motivierten Hund eine sehr wertvolle Lektion für mich war

🐾Ich hätte es eigentlich besser wissen müssen … Warum dieser Spaziergang mit meinem jagdlich motivierten Hund eine sehr wertvolle Lektion für mich war

 

Was mir mein Chichito – Bretone, Französischer Jagdhund – an einem verregneten Sonntagnachmittag wieder beigebracht hat

Eigentlich sollte es ein wunderschöner Spaziergang werden.

Es war ein schönes Sonntagnachmittag. 🌦️Nach langer Hitze hatte es endlich geregnet. Als wir losgingen, nieselte es nur noch ganz leicht. Die Luft war frisch und es hat einfach nach Sommer gerochen. Ich kann es gar nicht richtig beschreiben, aber es ist ein ganz besonderer Geruch.

Ich habe mich richtig auf diesen Spaziergang gefreut.

Alle Wiesen waren frisch gemäht. Ich dachte nur:

„Heute wird das ein richtig entspannter Spaziergang.“

Was ich in diesem Moment völlig vergessen hatte, war etwas, das ich eigentlich ganz genau weiß.

Nach einer langen Trockenperiode verändert Regen die Geruchswelt für unsere Hunde enorm. Die Gerüche, die vorher am Boden gebunden waren, werden durch die Feuchtigkeit wieder viel intensiver wahrnehmbar. Für einen jagdlich motivierten Hund ist das, als würde plötzlich jemand sämtliche Duftspuren – und alle auf einmal – wieder „sichtbar“ machen.

Natürlich habe ich in diesem Moment überhaupt nicht daran gedacht.

Schon die erste Spur hatte es in sich.

Ein Fuchs.

Ich selbst konnte ihn oben auf einem Feld am Hang noch sehen. Chiquito hatte ihn gar nicht gesehen – aber er hatte seine Spur längst in der Nase.

Und diese führte, wie ich wusste, zu einem Fuchsbau.

Für Chichito war das wahrscheinlich einer der aufregendsten Gerüche überhaupt.

Und zack …

… lag ich das erste Mal auf dem Boden.

Auf losem Schotter ausgerutscht. Aufgeschürfte Knie.

Natürlich hatte ich eine kurze Hose an, es war ja sehr warm.

Chichito findet es dann immer irgendwie sehr lustig, wenn ich auf dem Boden liege. Ich musste mich erst einmal wieder berappeln und sagte dann zu ihm: „Warte mal bitte kurz, ich muss jetzt zuerst wieder aufstehen, bevor wir dann weiter nach deinen Spuren suchen können“. Er schaut dann kurz nach mir, so in der Richtung: „Ah, du bist auch noch da, okay, dann kann ich wieder der Spur nachgehen“.

Und ich darf ihm dann erst einmal erklären, dass er jetzt bitte stehenbleiben darf, damit ich wieder aufstehen und mit ihm weitergehen kann.

Wir sind dann ein Stückchen von diesem Fuchsbau weggegangen und haben dann eine kleine Pause mit vielen Leckerlis und etwas zu trinken gemacht, die er ganz dringend brauchte, um diese ganzen Eindrücke zu verarbeiten und zu verdauen, ich brauchte diese Pause, damit ich mich wieder sammeln und durchatmen konnte.

Der Weg führte weiter bergauf.

Rechts standen viele Siloballen. Auch zwischen den Siloballen roch es wieder unglaublich gut. Vermutlich nach Mäusen.

Mäusegeruch kann jedoch den Fuchsgeruch absolut nicht toppen.

Und links daneben auf der frisch gemähten Wiese gab es wieder eine Fuchsspur.

Diese Spur führte zu einem weiteren Fuchs- und Dachsbau, den ich gut kenne. Der Bau liegt in einem alten Stadel. Mehrere Eingänge befinden sich außerhalb und man kann wunderbar erkennen, welche gerade genutzt werden und welche nicht mehr.

Während Chichito dieser Spur folgte, schoss mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf:

„Das weißt du doch eigentlich.“

Ich weiß, dass ich nach einem solchem Wetter mit ihm, nicht über frisch gemähte Wiesen laufen sollte.

Ich weiß, dass genau diese Bedingungen für ihn eine wahre Duft-Explosion bedeuten. Wie wenn wir in einem Parfümladen viele verschiedene Düfte ausprobieren und dann am Ende gar nicht mehr wissen, welchen wir nehmen sollen, weil viele sehr gut riechen.

Ich weiß, dass ich ihn dann kaum halten kann.

Und trotzdem liefen wir den Hang hinauf.

„Ich erklärte ihm auch immer wieder, warum wir jetzt langsamer gehen und dass ich auf diesem nassen Hang einfach keinen Halt mehr hatte.“

Das Gras war klatschnass.

Irgendwann waren auch meine Füße komplett nass.

Was mir aber total egal war.

Bis wir wieder bergab gehen mussten.

Plötzlich hatte ich keinen Halt mehr.

Da ich die Schleppleine niemals loslasse, passierte genau das, was passieren musste.

Ich lag zum zweiten Mal auf der Nase.

Diesmal richtig.

Mitten im Dreck.

Und auch noch in irgendeinem Mist. Auf jeden Fall habe ich gestunken wie ein ganzer Misthaufen.

Zu allem Überfluss hatte sich mein Daumen auch noch in der Schleppleine verfangen und Chichito zog in diesem Moment richtig heftig an. Das tat dann auch richtig weh.

Ich schimpfte erst einmal vor mich hin, während ich im Dreck saß und mir den Mist von der Hose klopfte und war dann auch kurz sauer auf ihn.

Vor allem auf mich, weil ich es hätte besser wissen müssen.

Für ihn war dieser „Spaziergang“ das absolute Highlight.

Überall Gerüche.

Überall frische Spuren.

Irgendwann hatte ich sogar das Gefühl, dass er selbst gar nicht mehr wusste, welcher Spur zuerst folgen wollte, weil einfach alles gleichzeitig unglaublich spannend war.

Ich saß sagte zu ihm: „Du hattest gerade das Abenteuer deines Lebens. Ich hatte mir das Ganze ehrlich gesagt etwas anders vorgestellt.

Und nach diesem wunderschönen Erlebnis für ihn, gab es noch mal eine längere Pause, und auch wieder etwas zu trinken und gestreute Leckerli, damit er auch dieses Erlebnis wieder verarbeiten und durch Leckerli verdauen konnte.

Und genau darin steckt für mich die eigentliche Erkenntnis.

Wir betrachten Spaziergänge oft aus unserer menschlichen Sicht.

Wir sehen eine gemähte Wiese.

Laufen auf einem Weg.

Unsere Hunde erleben etwas völlig anderes.

Sie sehen keine Wiese.

Sie riechen eine Geschichte.

Oder besser gesagt:

Hunderte Geschichten gleichzeitig.

Jede Spur erzählt ihnen etwas.

Wer hier unterwegs war.

Wie lange das her ist.

Wohin das Tier gelaufen ist.

Ob es langsam oder schnell unterwegs war.

Und an diesem Tag war diese Welt für Chichito so intensiv wie schon lange nicht mehr.

Weil sich seine Welt verändert hatte.

Und ich hatte sie für einen Moment vergessen.

Manchmal erinnern mich genau solche Spaziergänge daran, worum es in meiner Begleitung eigentlich geht.

Garantiert nicht darum, meinen Hund zu kontrollieren.

Sondern seine Welt immer besser zu verstehen.

Denn wenn ich verstehe, warum mein Hund gerade so handelt, wie er handelt, kann ich mein eigenes Handeln daran anpassen.

Und manchmal bedeutet das ganz schlicht:

Beim nächsten Sommerregen bleiben wir auf dem Weg.

Chichito darf trotzdem schnüffeln.

Und ich hab ihn natürlich während des ganzen Spaziergangs stimmlich mitgenommen und immer in ganzen Sätzen mit ihm geredet.

Vielleicht ist dir beim Lesen dieses Blogartikels etwas aufgefallen.

Ich schreibe an keiner Stelle davon, dass Chichito keine Spur verfolgen durfte.

Ich schreibe nicht davon, dass ich ihn in irgendeiner Weise korrigiert habe.

Ich schreibe nicht davon, dass er sich ständig an mir orientieren musste.

Ich schreibe nicht davon, dass er Sitz, Platz oder Bleib machen sollte.

Und ich schreibe auch nicht davon, dass er schön neben mir an lockerer Leine laufen musste.

Stattdessen habe ich versucht, seine Welt zu verstehen.

Ja, ich habe Grenzen gesetzt – zum Beispiel dadurch, dass ich die Schleppleine nicht loslasse und Verantwortung für uns beide übernehme.

Aber innerhalb dieser Grenzen darf Chichito Hund sein.

Er darf schnüffeln.

Er darf Spuren verfolgen.

Er darf seine Welt entdecken.

Meine Aufgabe ist es nicht, ihm das Jagen abzugewöhnen.

Meine Aufgabe ist es, seine Welt immer besser zu verstehen und mein Handeln daran anzupassen.

Genau das ist die Grundlage meiner Begleitung von Menschen mit jagdlich motivierten Hunden.

Denn ich bin überzeugt:

Je mehr wir in der Welt unseres Hundes sind, umso mehr kann er auch in unserer Welt sein.

Logo von Herzensweg Manuela Högg: Mensch und Hund auf gemeinsamem Weg in Herzform mit Stern – Symbol für Verbindung, Vertrauen und tiergestützte Begleitung.
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